Interview mit Helge Kreutzmann – Debian-Maintainer und Übersetzer

Interview mit Helge Kreutzmann – Debian-Maintainer und Übersetzer

Schön, dass du dir Zeit nimmst Helge – hier nun die Fragen: 

Ich möchte gleich mal die Gelegenheit nutzen mich bei Dir, stellvertretend für die vielen freiwilligen Arbeiter am Debian-System, zu bedanken. Nutzt du ein "reines" Debian-Linux, oder greifst du auf die vielen Möglichkeiten/Distributionen zurück, welche der Debian-Unterbau bietet?


Ich nutze ein reines Debian, allerdings mische ich die Zweige (Stable, Testing) manchmal oder nutze auch schon mal ein Programm aus dessen Git-Depot, wenn ich eine neuere Version benötige.

Debian wurde des Öfteren als zuverlässig-stabil aber nicht gerade "trendy" bezeichnet. Kannst du dies nachvollziehen?


Ja. Debian ist normalerweise kein Trendsetter, zumindest für Dinge, die ein normaler Benutzer (sofort) sieht. Es wird eher abgewartet, was sich an den »hippen« Dingen so entwickelt, und das dann berücksichtigt. Im Unterbau (zwei Beispiele: Dpkg/Apt und update-alternatives) kann Debian dagegen schon technische Trends setzen.

Wer Trends mag/will, für den ist Debian nichts, sondern er/sie sollten eine Rolling-Distribution oder ähnliches verwenden. Wer aber mehr wert auf Stabilität und langfristigen Know-How-Erhalt Wert legt, auch wenn mal das eine oder andere erst zwei Jahre später Einzug hält, der liegt bei Debian zumindest nicht falsch.

Du bist Debian-Maintainer. Wie kann man sich praktisch die Zusammenarbeit mit Anderen vorstellen? Oder bringt jeder seine "Zutat" ein, und dann wird das "Gericht gekocht"?


Letzteres. Debian ist ein do-o-crazy, d.h. wer was macht, kann auch (mit-)entscheiden. Natürlich gibt es lange Diskussion auf den Mailinglisten, aber faktisch bestimmt fast immer der Ausführende die Details/den Weg. Das ist unabhängig davon, ob die Person ein »Maintainer« oder ein »Developer« ist. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich für manche Aktionen (z.B. Hochladen von Paketen, die ich offiziell nicht betreue) einen Debian-Entwickler benötige, weil mir die Rechte fehlen.

Du bist ja auch als Übersetzer tätig. Ich nutze Diese als "alterndes Mauerkind" (Schulfremdsprache: Russisch) ja sehr gerne. Kannst du uns bitte etwas über die Notwendigkeit / Probleme und evtl. Tücken dieser Tätigkeit berichten?


Aufwandsmäßig ist in der Tat die Übersetzung meine Haupttätigkeit. Es freut mich zu hören, wenn Leute die Übersetzung nutzen. Wir Übersetzer möchten Personen, die nicht oder nur wenig (Schul-)Englisch können, helfen, Debian zu benutzen. Das fängt bei der Debian-Website an, geht über das Installationsprogramm bis zu Debian-spezifischen Programmen und deren Dokumentation.

Das Hauptproblem ist und bleibt die Zielgruppe. Personen, die hauptsächlich im Englischen unterwegs sind (das schließt insbesondere deutschsprachige Debian-Entwickler ein), sind teilweise mit unserer Übersetzung unzufrieden, da wir uns bemühen, wo sinnvoll auch deutsche
Begriffe zu verwenden. Wir sind da zwar bestmöglich konsistent, aber wer lieber von »files« im »repository« liest, wird erstmal von unseren »Dateien« im »Depot« überrascht sein. Der primären Zielgruppe, d.h. Lesern mit wenig Englischkenntnissen, hilft dagegen ein »repository«
oder »Repositorium« überhaupt nicht, auch wenn er natürlich dazu mit einer Suchmaschine was finden könnte. 

Die zweite Tücke sind die Ressourcen. Es gibt so viel zu übersetzen und gerade Anleitungen / Handbuchseiten sind teilweise sehr aufwändig. Es gibt aber andererseits derzeit nur wenige Personen, die bereit sind, mitzuhelfen. Schon das Korrekturlesen auf 

debian-l10n-german@lists.debian.org

hilft uns Übersetzern viel, da wir immer mal wieder betriebsblind sind und ein frischer Kommentar hier viel hilft. Und wenn dann der eine oder andere Mitstreiter auch noch mal eine (kleine) Übersetzung übernimmt, dann wäre das natürlich super.

In dem von dir übersetzten "Debian-Leitfaden für Neue Paketbetreuer" heißt es: /"Es wird von Ihnen erwartet, hochqualitative Pakete zu erstellen"/. Ist dies nicht potenziell abschreckend auf "angehende" Neue Entwickler?


Das musst Du Osamu Aoki, den primären Betreuer des Leitfadens, fragen. Wir Übersetzer geben zwar durchaus Rückmeldung zum Text oder korrigieren auch mal Tippfehler, aber beim Inhaltlichen versuchen wir, so gut es geht beim Original zu bleiben.

Der Gründer des Debian-Projekts, Ian Murdock, ist ja nicht mehr unter uns. Hast/Hattest du persönliche Bezüge zu Ihm bzw. kannst du bitte eine Anmerkung zu der Bedeutung seiner Arbeit für dich machen?


Nein, Ian hatte ich nie (virtuell) kennengelernt. Als Debian-Begründer sind natürlich seine Ideale und Ziele (die Debian Free Software Guidlines, oder kurz DFSG) prägend und grundlegend für die Gemeinschaft. Sie waren damals (~ 2000) ein wesentlicher Treiber für mich, bei meiner Suche einer neuen Distribution. 

Welche Einstellung/Verhältnis hast du persönlich zu Ubuntu?


Keine besondere. Ich finde es schade, dass auf deren Website (als ich das letzte Mal schaute) kaum etwas über Linux oder Debian zu finden ist. Manchmal sind sie mir auch etwas zu hemdsärmelig, so beispielsweise bei den Rechten von Übersetzern. Aber ich habe keine
Animositäten, im Gegenteil, ich denke, sie bringen vielen Leuten eine Alternative zum Massenbetriebssystem und hoffentlich langfristig auch ein Interesse an Freier Software. Vielleicht merkt dann der eine oder andere, dass er bzw. sie nicht mit den Macken leben muss, sondern sie selbst ändern kann (auch wenn das dann vielleicht nicht mehr im Rahmen
von Ubuntu stattfindet).

Wie stehst du zu einem Verhaltenskodex allgemein? Siehst Du die Punkte: "respektvoll, offen, gemeinsam, tolerant" im Debian Projekt / Foren usw. umgesetzt?


Ich bin da kaum unterwegs. Wo ich bin, hatte ich noch keine Probleme, aber ich habe auch schon sehr unangenehme Dinge (indirekt) gelesen. Ich lese aber auch, dass der aktuelle Projektleiter von Debian da sehr engagiert ist, was ich gut finde. Es ist zwar irgendwie traurig, aber wahrscheinlich notwendig, einen solchen Kodex einzuführen und durchzusetzen, damit nicht ein paar Personen viele andere Beitragende von der Mitarbeit abhalten bzw. ihnen das Leben schwer machen.

Ist die Vision: "Debian - das Universale Betriebssystem in der Welt" deiner Meinung nach in der Umsetzung bzw. welche Zukunftsaussichten für das Debian-Projekt siehst Du?


Es gibt Entscheidungen, die ich nicht gut finde -- aber ich darf mich nicht beschweren, ich bin kein Entwickler und kann daher nicht mit abstimmen. Auch hätte ich persönlich gerne die eine oder andere Architektur behalten, aber auch hier: Ohne Freiwillige nichts los. Aber ich kenne momentan keine bessere Distribution, denn ich will ja nicht nur das System vorantreiben, sondern auch damit arbeiten. Was hoffentlich viele andere Menschen, und sei es »nur« an einer von Debian abgeleiteten Distribution, auch machen können.

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Ganz herzlichen Dank Helge, für dieses Interview.

andreas

für offene-quellen.org